Warum sich die deutsche Radmessen-Landschaft neu sortiert
Inhalt
Bevor es losgeht, zwei Fragen an euch: Wer von euch war in den letzten Jahren auf der Cyclingworld in Düsseldorf und teilt meinen positiven Eindruck? Und wer war auf der Eurobike 2026 in Frankfurt und ist genauso enttäuscht rausgegangen wie ich? Schreibt’s mir gerne in die Kommentare.
Positive Neuigkeiten aus Düsseldorf
Vor ein paar Tagen flatterte mir eine Pressemitteilung der Cyclingworld Europe ins Postfach: Ab 2027 wird der Freitag in Düsseldorf zum vollwertigen Messetag, mit Testfahrten von 12 bis 20 Uhr. Klingt erstmal nach einer Randnotiz aus der Messeplanung. Ist es aber nicht. Wenn man die Meldung neben das legt, was gerade mit der Eurobike passiert, ergibt sich ein ziemlich klares Bild davon, wohin sich Fahrradmessen in Deutschland – und Europa – gerade bewegen. Und das ist eine Geschichte, die jeden interessieren sollte, der sich für Fahrräder interessiert, nicht nur die Messeplaner.
Der Niedergang der Eurobike in Zahlen
Fangen wir mit dem an, was der eigentliche Auslöser der ganzen Diskussion war. Die Eurobike, jahrzehntelang unangefochten die Leitmesse der Branche, verlor in den letzten zwei Jahren dramatisch an Substanz. 2025 in Frankfurt gab es bereits ein Minus von rund 17 Prozent bei den Ausstellern gegenüber dem Vorjahr, einige prominente Marken fehlten schon da. Die Fachbesucherzahlen sackten um etwa 11 Prozent ab.
2026 wurde daraus dann eine echte Zäsur: Die Ausstellerzahl war gegenüber 2025 nahezu halbiert, von rund 1.500 auf etwa 800. Ganze Messehallen wurden aus dem Programm gestrichen. Und dann der eigentliche Paukenschlag im Vorfeld: Shimano, der mit Abstand größte Komponentenhersteller der Branche, sagte seine Teilnahme komplett ab und verkaufte das als „strategische Neupositionierung“. Bosch eBike Systems und Riese & Müller fehlten ebenfalls, dazu Garmin, Abus, Giant. Wenn der Marktführer bei Schaltgruppen und der größte Antriebshersteller einer Messe den Rücken kehren, ist das kein Ausrutscher mehr, sondern ein Statement.
Ich war selbst zwei Nachmittage vor Ort in Frankfurt, und was ich sah, deckte sich ziemlich genau mit den nackten Zahlen. Wo früher die etablierten europäischen Marken die Hallen dominierten, dominierten dieses Jahr vor allem chinesische und taiwanesische Hersteller, von denen ich bis dahin noch nie gehört hatte. Klar, auf Social Media feierte mancher Influencer euphorisch die vermeintlichen Neuheiten aus Fernost. Aber ehrlich: Das war vor allem deshalb der auffälligste Programmpunkt, weil eben kaum noch etwas anderes da war. Besonders befremdlich fand ich die schiere Menge an Teileherstellern aus Fernost, deren Messestände in Aufmachung und Anmutung eher an Temu oder Aliexpress erinnerten als an das, was man von der Eurobike gewohnt war. Für mich ist die Sache damit klar: Die Eurobike ist ein totgerittenes Pferd. Was ich in Frankfurt gesehen habe, war nicht mehr die Leitmesse der Branche, sondern deren Abgesang.


Impressionen von der Eurobike 2026 in Frankfurt.
Der eigentliche Todesstoß kam aber nicht von einzelnen Ausstellern, sondern von den Verbänden selbst. ZIV (Zweirad-Industrie-Verband) und VZF (Zukunft Fahrrad) haben sich von der Eurobike losgesagt und gründen zusammen mit der Koelnmesse eine eigene, komplett neue Messe: „towards tomorrow – European Bike Show“, Premiere im September 2027 in Köln. Das Motto: „Von der Branche für die Branche.“ Und wichtig: Das ist explizit eine reine B2B-Messe, konsequent auf Handel, Industrie, Zulieferer und Dienstleister ausgerichtet, ohne Publikumsanspruch. Wenn die eigenen Trägerverbände einer Messe eine Konkurrenzveranstaltung aus dem Boden stampfen, ist die Botschaft eindeutig: Das bisherige Format hat für die Kernklientel aufgehört zu funktionieren.
Cyclingworld macht das Gegenteil
Und genau davor hebt sich die Entwicklung in Düsseldorf ab, fast wie ein Kontrastprogramm. Während sich die Branchenverbände in Köln eine geschützte B2B-Nische bauen, verdoppelt die Cyclingworld Europe ihren Einsatz auf das Gegenteil: noch mehr Publikum, noch mehr Verzahnung von Endkunden und Handel, explizit kein separater Fachbesuchertag. Messechef Stefan Maly sagt es so deutlich wie man es nur sagen kann: „Die Cyclingworld war immer in erster Linie eine B2C-Show, und das soll sie bleiben. Das ist unser Kern, und den wollen wir nicht aufweichen.“
Der neue Freitag ist dabei kein Zufallsprodukt, sondern eine logische Reaktion auf zwei Dinge gleichzeitig: hohe Nachfrage aus Handel und Industrie nach mehr Zeit für Gespräche, und die aktuelle branchenweite Debatte darüber, wie Messen überhaupt noch aussehen sollen. Statt einen klassischen Fachbesuchertag einzuführen, der die Messe faktisch in zwei Veranstaltungen aufspalten würde, wird der Freitag ab 2027 einfach zu einem vollen, für alle offenen Messetag mit Testfahrten – vorher war er nur eine Abendveranstaltung. Fachhandel und Hersteller sollen dadurch mehr Raum bekommen, ohne dass Endkunden ausgesperrt werden. Zusätzlich gibt’s jetzt zwei volle Aufbautage für Aussteller statt einem, was für die Logistik auf Ausstellerseite ein echter Gewinn ist, und ein neues Ausstellerportal, das die organisatorische Abwicklung zentralisieren soll.
Die Zahlen geben der Strategie bislang recht. 2026 kam die Cyclingworld auf 35.000 Besucher am Areal Böhler, zusammen mit dem neuen Urban Hub in der Düsseldorfer Innenstadt sogar auf rund 50.000 – deutlich mehr als die 27.000 vom Vorjahr. Rund 500 Marken waren vertreten, ein Viertel davon ohne deutsche Niederlassung, was für wachsende internationale Relevanz spricht. Seit dem Start 2017 mit gerade mal 100 Ständen ist das ein beeindruckendes, kontinuierliches Wachstum. Für 2027 ist die Messe jetzt schon zu rund 97 Prozent ausgebucht, freie Flächen werden bewusst für neue Aussteller reserviert statt für Standerweiterungen bestehender Marken draufgehen zu lassen.


Cyclingworld Europe 2026 in Düsseldorf. (Pressefotos: Cyclingworld Europe / kernpunktPR)
Für mich als Rennrad- und Gravelfahrer ist dabei noch ein anderer Punkt wichtig: Die Cyclingworld ist gerade für diese beiden Segmente die interessantere Messe, weil auffällig viele Aussteller genau dort ihre Neuheiten zeigen, von Rahmen über Laufräder bis zu Komponenten und Bekleidung. E-Bike-Themen spielen zwar auch eine Rolle, klar, ganz ohne geht es auf keiner großen Fahrradmesse mehr, aber sie stehen in Düsseldorf spürbar nicht im Zentrum des Geschehens. Wer sich in erster Linie für Rennräder und Gravelbikes interessiert, findet hier mehr als anderswo.
Zwei Antworten auf dieselbe Krise
Was hier passiert, ist im Kern eine Aufspaltung des alten Eurobike-Versprechens in zwei getrennte Formate. Die Eurobike wollte immer beides gleichzeitig sein: die große Publikumsshow und die zentrale Ordermesse für den Fachhandel. Genau diese Doppelrolle scheint nicht mehr zu funktionieren, wahrscheinlich weil beide Seiten unterschiedliche Bedürfnisse haben, die sich in einem Format immer schwerer unter einen Hut bringen lassen. Handel und Industrie wollen effiziente, fokussierte Ordertermine ohne das Trubel einer Publikumsmesse drumherum, während Endkonsumenten Erlebnis, Testfahrten und Festival-Atmosphäre wollen.
Köln und Düsseldorf lösen dieses Spannungsfeld jetzt auf entgegengesetzte Weise. towards tomorrow zieht sich komplett auf B2B zurück und verzichtet auf Publikum. Cyclingworld macht das Gegenteil und vertieft die Verzahnung von B2C und B2B innerhalb eines einzigen Formats, anstatt sie zu trennen. Beide Wetten sind nachvollziehbar, aber sie sind eben Wetten. Ob Handel und Industrie tatsächlich bereit sind, für eine reine B2B-Show extra nach Köln zu reisen, wenn sie schon in Düsseldorf ein „hochwertiges Erlebnis integriert in die Veranstaltung“ bekommen können, wie Maly es nennt, wird sich erst 2027 zeigen, wenn beide Konzepte parallel an den Start gehen. Umgekehrt ist offen, ob Cyclingworld bei weiterem Wachstum nicht doch irgendwann an genau die Grenzen stößt, an denen die Eurobike gescheitert ist, nämlich dass eine Messe für alle am Ende niemandem mehr richtig gerecht wird.
Für mich als jemand, der selbst vor Ort in Frankfurt war und die Branche sonst vor allem von der Produkt- und Konsumentenseite aus verfolgt, ist der spannendste Punkt eigentlich ein anderer: 2027 wird zum ersten Mal seit Jahrzehnten kein einzelner Termin mehr die deutsche Radmessen-Saison dominieren. Es gibt dann mindestens drei relevante Fixpunkte im Kalender: Cyclingworld Europe im März in Düsseldorf als Publikumsmesse mit wachsendem Fachhandelsanteil, die geschrumpfte Eurobike, deren Zukunft nach dem Auszug der Verbände alles andere als sicher ist, und towards tomorrow im September in Köln als neue reine Ordermesse. Für Endkonsumenten dürfte das kaum einen Unterschied machen, Düsseldorf bleibt der Ort zum Anfassen und Testen. Für Handel und Presse wird die Saison dagegen deutlich fragmentierter, mit mehr Terminen an mehr Orten. Ob das am Ende ein gesünderes Ökosystem ergibt oder einfach nur mehr Aufwand für alle Beteiligten bedeutet, ist die eigentliche Frage, die sich erst in ein, zwei Jahren beantworten lässt.


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