27. August 2025 – Sechs Jahre nach dem Unfall, der alles veränderte
Heute ist mein sechster „zweiter Geburtstag“. Sechs Jahre ist es her, dass ein Auto mir die Vorfahrt nahm und mein Leben in eine völlig neue Bahn lenkte. Sechs Jahre, in denen ich gelernt habe, dass Comeback nicht bedeutet, wieder der Alte zu werden, sondern trotz allem weiterzumachen.
Der Tag, der alles veränderte
27. August 2019. Ein Tag, der eigentlich wie jeder andere beginnen sollte. Ich war in guter Form – erst zwei Monate zuvor hatte ich die 300 km der Vätternrundan in 8:35 Stunden gerockt. Das Leben als Rennradfahrer lief perfekt. Mein Podcast „Rennrad-WG“ war erfolgreich, ich hatte ein tolles Mallorca-Trainingslager hinter mir, Bestzeiten gefahren und Bikepacking-Trips unternommen.
Dann kam das Auto von rechts, nahm mir die Vorfahrt. In hoher Flugbahn ging es kopfüber auf den Asphalt. An den Aufschlag erinnere ich mich nicht. Multipel verletzt und sediert wurde ich ins Krankenhaus gebracht. Mein Abus Gamechanger-Helm – der hatte mir wahrscheinlich das Leben gerettet. #gamekeeper trifft es besser als #gamechanger. Er hielt mich im Spiel, auch wenn ich eine sehr lange Pause einlegen musste.


Die medizinische Odyssee
Was folgte, war ein Alptraum aus Fehldiagnosen und Komplikationen. Dass die Decke des zehnten Brustwirbels eingebrochen war, erkannte man erst nicht auf dem CT. Drei Tage lang stach es höllisch im Rücken, bevor erneut bildgebend untersucht wurde. „Anbruch“ lautete dann die verharmlosende Diagnose.
Zunächst hieß es, eine Operation sei nicht erforderlich. Eine Woche später änderten die Ärzte ihre Meinung. Die Zweitmeinung der BG-Unfallklinik bestätigte: OP notwendig. Fixateur Interne – Titanschrauben im Rücken.






Ein Jahr später, im Dezember 2020, kam das Metall wieder raus.
Das Resultat: eine 38-Grad-Wirbelsäulenverkrümmung, eine Kyphose, die mich von 176 auf 174 Zentimeter schrumpfen ließ. Zehn Grad der Krümmung entstanden erst nach der Metallentfernung. Wie viel war schon vorher da? Das ist die-Frage, um die es bis heute geht. Die Berufsgenossenschaft will nämlich seit Metallentfernung nicht mehr zahlen.
Der Kampf mit der Bürokratie
Sechs Jahre nach dem Unfall – das Sozialgericht hat immer noch keinen Verhandlungstermin angesetzt. Dabei gab bereits 2024 ein vom Gericht bestellter Gutachter ein Ergebnis ab, das dem Gutachten der Berufsgenossenschaft widerspricht und zu meinen Gunsten ausfiel. Doch die Mühlen der Justiz mahlen langsam, während ich täglich mit den Folgen lebe.
Die Berufsgenossenschaft beharrt darauf, dass die Kyphose „überwiegend“ unfallfremd sei. Als hätte ich zehn Jahre lang mit 38 Grad Rückenverkrümmung die Vätternrundan gefahren, ohne es zu merken. Frustrierend ist das – und zermürbend.
Leben mit der Kyphose
Die 38-Grad-Verkrümmung bedeutet nicht nur einen krummen Rücken. Sie ist der Auslöser einer Kettenreaktion von Problemen. Fehlhaltungen sind vorprogrammiert, starke Verspannungsschmerzen die Folge. Im Beruf, in der Freizeit – der Schmerz ist mein ständiger Begleiter geworden.
Fast täglich leichte bis mittlere Rückenschmerzen, manchmal starke. Die Bewegung ist eingeschränkt. Einen großen Teil der Freizeit verschlingt inzwischen die Schadensbegrenzung: Kiesertraining für die Rumpfmuskulatur, Gymnastik für die Beweglichkeit, Chiropraktik für die akuten Verspannungen.
Mental ist das anstrengend. Sehr anstrengend. Es gibt Tage, da bringen mich die Rückenschmerzen total runter. Aber aufgeben? Das kommt nicht in Frage.
Die Angst fährt immer noch mit
Neben den körperlichen Folgen blieb eine posttraumatische Störung. Beim Radfahren im dicht besiedelten Rhein-Main-Gebiet fährt die Angst immer mit. Besonders bei Situationen, die dem Unfall ähneln – wenn Autos an von rechts einmündenden Straßen warten. Deshalb bin ich hauptsächlich mit dem Gravel-Bike unterwegs, weg von den großen Straßen.
Das Rennradfahren hatte ich eigentlich aufgegeben. Zu groß die Angst, zu eingeschränkt die Sitzposition durch die Kyphose. Um geradeaus schauen zu können, muss ich meinen Nacken viel mehr überstrecken als früher.
Jonas Deichmann und ein Canyon-Moment
Anfang 2024 sprachen wir im Podcast „Rennrad-WG“ mit Jonas Deichmann über seinen Langstreckentriathlonweltrekordversuch. Einmal würde ich ihn auf der Radstrecke begleiten, versprach ich. Dann erfuhr ich sein Tempo: täglich 35er Schnitt über 180 Kilometer. 2019 wäre das für mich kein Problem gewesen.
Aber Jonas hatte mich angefixt. Trotz Kyphose, trotz aller Probleme. „YOLO“ dachte ich mir und bestellte ein Canyon Endurace CFR. Noch einmal schnell werden? Wir würden sehen.
Das wahre Comeback
Mittlerweile war ich tatsächlich schon zweimal wieder bei der Vätternrundan. Dem Event, das ich nach dem Unfall für immer verloren geglaubt hatte. Zehn Jahre in Folge war ich hingefahren, bis 2019. Es war die schönste Zeit meines Radfahrerlebens.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache:
- 2019: 8:35 Stunden auf 300 km
- Nach dem Comeback: 12-13 Stunden auf 315 km
Über vier Stunden langsamer. Unter Schmerzen gefahren. Mit eingeschränkten Möglichkeiten. Aber ich bin zurück. Das ist mein Comeback – nicht die Rückkehr zur alten Leistung, sondern der Mut, trotz allem weiterzumachen.


Ein zweites Leben
Heute, am sechsten Jahrestag meines Unfalls, feiere ich nicht nur das Überleben. Ich feiere ein zweites Leben, das anders ist als das erste, aber trotzdem lebenswert. Ein Leben mit täglichen Herausforderungen, mit Schmerzen und Einschränkungen, aber auch mit der Erkenntnis, dass man stärker ist, als man denkt.
Der Abus Gamechanger hat mir damals das Leben gerettet. Was ich daraus gemacht habe, das war meine Entscheidung. Aufgeben wäre einfacher gewesen. Weitermachen war die richtige Wahl.
Neue Herausforderungen
Sechs Jahre später sitze ich hier, schreibe diese Zeilen – und kämpfe gerade gegen die nächste Herausforderung. Asthma Bronchiale quält mich momentan, derzeit sogar akut. Heute musste ich wieder zur Pneumologin. Ob das eine Covid-Nachwirkung ist oder ob die Rückenverkrümmung sich auch auf die Lunge auswirkt – ich weiß es nicht.
Das Kortison im Foster Spray hilft offenbar nur bedingt, auch das tägliche Salbutamol ist kein Wundermittel. Ab morgen soll ich das Foster Spray verdoppeln und drei Tage Kortison in Tablettenform schlucken, Wieder eine neue Baustelle, wieder eine neue Herausforderung. Aber auch dagegen werde ich kämpfen. Was sonst.
Das Sozialgericht wird irgendwann entscheiden, welcher Grad der Invalidität offiziell festgestellt wird. Die Berufsgenossenschaft wird dann hoffentlich nach zahlen müssen, was sie schuldet. Und das Asthma? Auch das werden wir in den Griff bekommen.
Egal, was die Bürokratie entscheidet, egal welche neuen gesundheitlichen Herausforderungen kommen – ich habe bereits gewonnen. Ich bin zurück. Anders als vorher, langsamer als früher, mit mehr Baustellen als je zuvor, aber ich bin zurück.
Happy Birthday, zweites Leben. Auf die nächsten Jahre – mit dem Rad, trotz allem.
Falls ihr auch nach schweren Rückschlägen wieder aufs Rad gefunden habt, teilt eure Geschichte in den Kommentaren. Manchmal braucht es die Geschichten anderer, um zu verstehen: Ein Comeback ist möglich, auch wenn es anders aussieht als gedacht.
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Meine allerliebsten Wünsche an dich, lieber Claude. Es ist beeindruckend zu sehen, wie du dieses Schicksal rannimmst. Mach weiter so!
LG Thomas
Nicht immer einfach, lieber Thomas. Aber ich mache einfach weiter, egal wie.
Wow – was für ein beeindruckender Rückblick, mein Lieber. Mach einfach weiter so – lass Dich nicht unterkriegen. Du rockst das schon. Deine Geschichte lässt einen sehr demütig werden, was die üblichen Problemchen angeht.
Danke, Holger 🙂