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Warum die UCI plötzlich in BHs schaut
Die Wichtigkeit von Sport-BHs und deren Inhalt kannten wir bisher eigentlich nur von Social Media. Dass BHs im normalen Gebrauch nicht nur halten, sondern auch Form geben und optisch verändern, ist dabei auch nichts Neues – das weiß jeder und freut Trägerin wie das Gegenüber gleichermaßen. Dass jetzt aber ausgerechnet die UCI deswegen auf den Plan gerufen wird, ist da schon bemerkenswert – genau das ist nämlich kurz vor dem Einzelzeitfahren der Tour de France Femmes avec Zwift passiert. Es gibt Marginal Gains, bei denen selbst mich erstmal ein „Moment mal“ ereilt. Genau so ein Fall ist da aufgeploppt – und die UCI hat tatsächlich reagiert, bevor am Dienstag überhaupt gestartet wurde.
Was ist passiert
Ausgangspunkt ist eine Recherche des niederländischen Portals Wielerflits vom Wochenende. Mehrere Women’s-WorldTour-Teams hatten sich dort beschwert: Einige Fahrerinnen würden ihre Sport-BHs bei Zeitfahren gezielt auspolstern, um optisch eine größere Cup-Größe zu erzeugen – mit dem Ziel, sich einen aerodynamischen Vorteil zu verschaffen. Als Beleg dienten Fotovergleiche derselben Athletinnen aus Straßenrennen und Zeitfahren, unter anderem vom Olympia-Zeitfahren in Paris 2024, bei denen der Unterschied auffällig groß ausfiel.
Die UCI ließ sich damit nicht lange Zeit. Im Jury-Bericht zur dritten Etappe (Montagabend, 3. August) tauchte plötzlich ein Zusatz-Passus auf: Vor dem 21-Kilometer-Zeitfahren am Dienstag würden die Kommissare besonders genau auf Kleidung und Zubehör achten, das „die Morphologie der Fahrerin verändern könnte“ – ausdrücklich genannt werden dabei auch Helme, Brillen, Schuhe und Kommunikationsgeräte. Mehrere Quellen zitieren dabei Artikel 1.3.032 des UCI-Reglements. Kontrolliert werden soll laut Berichten von einer weiblichen Offiziellen, konkret genannt wird UCI-Kommissarin Magali Barbe.
Chest Fairing – was technisch dahintersteckt
Der Fachbegriff für das Ganze ist „Chest Fairing“, zu Deutsch etwa Brust-Verkleidung. Die Idee: Eine größere, gleichmäßigere Fläche im oberen Rumpfbereich verändert die Luftströmung um den Oberkörper und reduziert den Überdruck, der sich sonst an den Oberschenkeln aufbaut – ähnlich wie bei einer Tropfenform am Fahrzeug. Bert Blocken, Aerodynamik-Professor an der Heriot-Watt University in Schottland und der LUT in Finnland, hat sich das Thema für Wielerflits genauer angeschaut und bestätigt: Bei mehreren Top-Fahrerinnen sei der Unterschied zwischen Straßenrennen- und Zeitfahr-Silhouette so deutlich, dass er das für eindeutig nicht regelkonform hält.
Der Effekt selbst ist laut Blocken nicht riesig, aber über 20 bis 30 Kilometer potenziell entscheidend. Ein paar Medien kursieren mit konkreteren Zahlen zwischen rund 0,78 Sekunden pro Kilometer und einer Widerstandsreduktion im niedrigen einstelligen Prozentbereich – ich würde diese Werte mit Vorsicht genießen, sie stammen aus Sekundärquellen und nicht direkt aus einer mir vorliegenden Studie. Für die Grundaussage reicht’s aber: Genug, um bei einem eng gefahrenen Zeitfahren am Ende auf dem Podium den Unterschied zu machen.
Kein neues Phänomen – nur eine neue Zielgruppe
Wer jetzt denkt, sowas gäbe es nur bei Frauen: nein. Die Grauzone rund um „morphologieverändernde“ Ausrüstung hat eine lange Geschichte im Peloton. Schon vor Jahren wurden Rennfunkgeräte demonstrativ vorne ins Trikot gestopft, um die Anströmung am Oberkörper zu glätten. Remco Evenepoel und Jonas Vingegaard wird nachgesagt, bei der Straßen-WM 2023 beziehungsweise bei der Tour de France mit einer Art Fairing im Skinsuit gefahren zu sein. Und bei der WM 2025 in Ruanda trugen belgische Fahrer ihre Funktaschen vorne statt hinten am Trikot – ohne dass es dafür eine Strafe gab.
Der Unterschied bei Frauen: Die Kontrolle ist ungleich schwieriger. Männer haben eine relativ einheitliche Ausgangsform im Brustbereich, jede Abweichung fällt auf. Bei Frauen variiert die natürliche Körperform stark, dazu kommen unterschiedlichste Sport-BH-Modelle – manche komprimieren bewusst für einen schlankeren, windschlüpfrigeren Oberkörper, andere eben nicht. Genau diese Unschärfe macht das Thema für die Jury zum Kontrollalbtraum, was einer der Gründe sein dürfte, warum das Reglement hier bislang kaum durchgesetzt wurde.
Was die Teams fordern
Laut Wielerflits ist der Wunsch mehrerer WorldTour-Teams simpel: eine weibliche Offizielle, die die Fahrerinnen direkt nach dem Zeitfahren in einem geschlossenen Zelt kontrolliert – um sicherzustellen, dass nichts im BH oder unter dem Aero-Anzug versteckt ist. Ob es am Dienstag tatsächlich zu solchen Nachkontrollen kam oder ob es bei der Vorstart-Ankündigung blieb, ist mir aktuell nicht bekannt; das wäre der logische nächste Recherche-Schritt, sobald die Etappe gelaufen ist.
Meine Einschätzung
Ehrlich gesagt: Das Reglement selbst ist nicht neu, es untersagt seit Langem Kleidung, die die Körperform künstlich verändert. Neu ist nur, dass es diesmal überhaupt öffentlich thematisiert und mit einer konkreten Ankündigung belegt wurde. Das zeigt ziemlich gut, wie das Verhältnis zwischen Regelwerk und Vollzug im Radsport oft funktioniert: Erst wenn genug Teams laut genug werden, bewegt sich was. Für ein Sport, der bei Rahmengewicht und Lenkerbreite auf den Millimeter genau misst, ist das schon bemerkenswert unpräzise Kontrollpraxis in einem Bereich, der nachweislich Zeit kostet.
Quellen: Wielerflits (Originalrecherche), Wielerflits (Update zur UCI-Warnung), Cyclingnews, Sticky Bottle, Velo/Outside – UCI-Warnung, Velo/Outside – Hintergrund, Cycling Up To Date, OutKick.
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„Die Wichtigkeit von Sport-BHs und deren Inhalt kannten wir bisher eigentlich nur von Social Media“
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