Heute wird John Degenkolb 37 Jahre alt. Geburtstage sind Momente des Innehaltens – für Sportler vielleicht mehr als für andere. Zwei Wochen nach seinem 27. Geburtstag, am 23. Januar 2016, änderte sich für John alles: Ein schwerer Trainingsunfall in Spanien unterbrach aprupt seine Karriere, die 2015 einen beeinduckenden Höhepunkt erreicht hatte.
Es war ein strahlender Wintermorgen an der Costa Blanca. Dege trainierte mit seinen Teamkollegen von Giant-Alpecin in den Bergen rund um Benigembla. Ich erinnere mich noch genau. Johns Saison 2015 war ein Märchen gewesen.
- 22. März: Sieg bei Mailand-Sanremo
- 12. April: Sieg bei Paris-Roubaix – als erster Deutscher seit 119 Jahren – und der dritte Fahrer in der Geschichte nach Cyrille Van Hauwaert (1908) und Sean Kelly (1986), der beide Monumente in einem Jahr gewann
- Multiple Top-Platzierungen bei der Tour de France
- Etappensieg bei der Vuelta in Madrid
„Traumhaft – dieser Begriff schießt mir durch den Kopf, wenn ich an meine erste Saisonhälfte denke. Mehr noch, 2015 ist bislang mein Jahr schlechthin gewesen“, sagte John damals in einem kicker-Interview.
John war in der Form seines Lebens. Privat war er frischgebackener Vater. Für 2016 hatte er sich vorgenommen, seine Titel zu verteidigen. Mit der Startnummer 1 wollte er in Sanremo und Roubaix antreten. Mit 26 Jahren stand er im absoluten Prime-Alter für einen Klassiker-Spezialisten.

Wer Dege damals war – und was ich erlebte
Wer John damals kannte – und ich durfte ihn in jener Zeit persönlich kennenlernen – spürte diese Mischung aus Ehrgeiz, Lockerheit und Bodenständigkeit, die ihn von vielen anderen Profis unterschied. Dege und Simon Geschke waren in Frankfurt privat im Team Guilty 76 von Florian Jöckel unterwegs, und wir fieberten alle mit. Ich persönlich habe selten erlebt, wie sehr man jemandem alles Gute wünscht – und kurz darauf erlebt, wie zerbrechlich alles ist.




Der Unfall von John Degenkolb am 23. Januar 2016
15:15 Uhr – Der Aufprall
Was dann gegen 15:15 Uhr auf der Carretera CV-720 bei Benigembla geschah, veränderte alles. Eine 73-jährige britische Touristin bog auf die Straße ein und fuhr – vermutlich verwirrt durch den im Vereinigten Königreich geltenden Linksverkehr – auf der falschen Straßenseite. „Das Auto tauchte plötzlich direkt vor ihnen auf, sie hatten nicht einmal Zeit zu reagieren“, beschrieb Sébastien Michon, der Agent von Warren Barguil, den Frontalzusammenstoß.
John selbst erinnert sich: „Es war ein schöner warmer Tag. Wir haben Sprints trainiert und waren auf dem Weg zurück ins Hotel. Wir waren zu siebt und fuhren zu zweit nebeneinander. In einer leichten Kurve kam uns in der Mitte der Straße ein Auto entgegen, dass immer weiter auf unsere Seite wechselte. Als es uns frontal traf, war es komplett auf unserer Straßenseite. Wir konnten rechts nicht ausweichen, weil dort Steine und Bäume waren. Die ersten sechs Personen wurden voll getroffen.“
Der Straßenrand glich einem Trümmerfeld: zerbrochene Carbonrahmen, herausgerissene Laufräder, verstreute Helme und Trinkflaschen.
„Sie haben Glück gehabt, dass sie leben“, sagte Johns Manager Jörg Werner.
Die Verletzungen
Johns linker Zeigefinger hing nur noch „am letzten Zipfel“ an seiner Hand. Der Unterarm war gebrochen. „Vorhin wurden unter Vollnarkose die Wunden an Oberschenkel, Unterarm und Lippe genäht. Jetzt bin ich im Krankenwagen unterwegs nach Valencia, wo in einem größeren Krankenhaus mein linker Zeigefinger wiederhergestellt werden soll“, schrieb er noch am Unfalltag auf Facebook.
Der renommierte Chirurg Pedro Cavadas reimplantierte den fast vollständig abgetrennten Finger in einer mehrstündigen Operation. Gewebe aus der Hüfte wurde in den Finger transplantiert. Eine Amputation wurde erwogen, um schneller wieder trainieren zu können – doch so weit kam es zum Glück nicht.
Auch die fünf anderen Fahrer trugen schwere Verletzungen davon: Warren Barguil (Frankreich) erlitt einen Kahnbeinbruch, Chad Haga (USA) musste wegen schwerer Verletzungen an Hals und Kinn operiert werden und hatte einen Augenhöhlenbruch, Fredrik Ludvigsson (Schweden) und Ramon Sinkeldam (Niederlande) zogen sich Schnittverletzungen und Blutergüsse am ganzen Körper zu, Max Walscheid erlitt Brüche am Schienbein und am Daumen.
Mentale Folgen nach dem Unfall
Seit meinem eigenen schweren Rennradunfall 2019 – auch ich wurde von einem Auto abgeräumt – weiß ich, wie schwer es ist, mit bleibenden Schäden wieder aufs Rad zu kommen. Der körperliche Heilungsprozess ist das eine; der mentale Schaden wirkt oft viel länger nach – bei mir bis heute.
Vielleicht geht mir Deges Unfall deshalb heute besonders nahe. Zu sehen, wie jemand auf dem Höhepunkt seiner Karriere so brutal aus der Bahn geworfen wird, trifft einen anders, wenn man selbst erfahren hat, wie fragil alles ist.
„Besonders in der Zeit nach dem Unfall ist meine Frau hinter mir gestanden und hat mich immer wieder aufgebaut, wenn ich schlechte Laune hatte. Jeder, der ehrgeizig ist und schon einmal einen so derben Rückschlag hinnehmen musste, weiß, wie mental schwierig solche Phasen sind“, sagte John Ende 2016 in einem WOM-Interview.
Seine Frau Laura, die ich ebenso als sympathischen Menschen kennenlernen durfte, war in dieser schweren Zeit sein Anker. Das Paar lebt in Eschborn – und musste zusehen, wie die Klassikersaison 2016 ohne John stattfand.
In einem Gespräch mit RoadBIKE im September 2016 wurde das ganze Ausmaß der psychischen Belastung deutlich: „Man kann zwar wieder Rad fahren und alles funktioniert, aber mental ist man einfach total kaputt und weiß nicht, wie es weitergeht. Ob man überhaupt mal wieder auf so einen Level kommt, weil man so lange raus ist.“
Die lange Rückkehr
Am 1. Mai 2016 versuchte John sein Comeback bei Eschborn-Frankfurt – seinem Heimrennen. Er musste aufgeben.
Erst am 14. August 2016 gelang ihm mit einem Etappensieg beim Arctic Race of Norway der erste Erfolg nach dem Unfall. „Es hätte ja auch sein können, dass man sagt: Okay, das gibt mir jetzt gar nichts mehr“, erklärte er später. „Gott sei Dank ist es so, dass es mir einfach genau das gibt, was es mir vor dem Unfall auch gegeben hat. Diese Euphorie, diese Glücksgefühle.“
Doch die Form von 2015 erreichte er nie wieder. 2017 wurde er jeweils Siebter bei Mailand-Sanremo und der Flandern-Rundfahrt, Zehnter bei Paris-Roubaix. Solide Ergebnisse – aber weit entfernt von seinen früheren Maßstäben.
Ein Rückschlag folgte dem nächsten: Bei der WM 2017 musste er aus gesundheitlichen Gründen absagen und wurde wegen Herz- und Lungenproblemen ins Krankenhaus eingeliefert. 2018 erkrankte er bei Paris-Nizza an einer Nasennebenhöhlenentzündung. Bei Paris-Roubaix stürzte er auf das Knie.
Die Erlösung – 3,5 Jahre später
„Zweieinhalb Jahre lang trug er die Erinnerung an den Unfall mit sich herum wie ein Gewicht um den Hals. Es war so schwer wie der Pflasterstein, den er bei Paris-Roubaix 2015 gewonnen hatte“, schrieb das Magazin WOM im November 2018.
Die Erlösung kam am 14. Juli 2019 auf der 9. Etappe der Tour de France – ausgerechnet über das Kopfsteinpflaster von Roubaix. Als John die Ziellinie überquerte, brach er in Tränen aus. Es waren Tränen der Freude und der Erleichterung.
„Es gab einen großen Schlag in meiner ganzen Karriere, und von dem Moment an folgte ein Rückschlag auf den anderen“, reflektierte er zwei Monate später. Der Tour-Etappensieg war „das Ende einer Zeit des Kampfes“, nicht das Comeback – denn er war „nie weg“, wie er betonte.
Trotz seiner Erfolge erreichte Dege nicht mehr das konstante Niveau von 2015. Rückschläge wie Herz- und Lungenprobleme, Nasennebenhöhlenentzündung und Stürze folgten.
Die Frage, die bleibt: Was wäre gewesen?
Zehn Jahre später stellt sich unweigerlich die Frage: Was wäre aus John geworden ohne den 23. Januar 2016?
Mit 26 Jahren stand er auf dem absoluten Höhepunkt. Er hatte zwei der prestigeträchtigsten Klassiker gewonnen. Die nächsten Jahre hätten die erfolgreichsten seiner Karriere werden können. Weitere Monument-Siege? Ein Weltmeistertitel? Eine Dominanz wie Peter Sagan oder Fabian Cancellara?
„Ich war sehr gut in Form, auf einem wirklich guten Weg. Und kurze Zeit später ist alles zerstört. Das ist wirklich sehr schwer zu akzeptieren und zu realisieren“, sagte John im März 2016.
Der gebürtige Geraer, der ohne Groll auf die Unfallverursacherin blickte („Was sie jetzt durchmacht, ist Strafe genug“), verlor nicht nur fast vier Monate seiner besten Saison. Er verlor möglicherweise Jahre an der Weltspitze.
Zugleich zeigt die Erfahrung: Dankbarkeit für das, was geblieben ist, ist der einzige Weg, mit solchen Rückschlägen zu leben. Entsprechend wird John an seinem heutigen Geburtstag auf die letzen zehn Jahre zurück blicken

Das Schweigen der Justiz
So klar die sportlichen Folgen des Unfalls dokumentiert sind, so mysteriös ist das juristische Nachspiel. Die 73-jährige Britin wurde am 29. April 2016 formell wegen „Fahrlässigkeit und Rücksichtslosigkeit“ angeklagt. Für Dezember 2016 wurde ein Strafverfahren angekündigt.
„It’s not just the damages requested, but people need closure“, sagte Teammanager Iwan Spekenbrink im November 2016 gegenüber Cycling Weekly. „We need closure and need to get this behind us.“
Doch diese Closure kam nie – zumindest nicht öffentlich. Über den Ausgang des Verfahrens, eine mögliche Strafe oder Schadensersatzzahlung wurde nach meinen Recherchen nie berichtet. Das Verfahren verschwand ebenso in der Versenkung wie Johns unzählige Karrierehöhepunkte, die man ihm vor 10 Jahren gewünscht und zugetraut hatte.
Fazit: Was der John-Degenkolb-Unfall bis heute bedeutet
Mir war dieser Artikel wichtig, weil ich glaube, dass ein Sportler wie Dege an einem solchen Jahrestag selbst nicht unberührt bleibt. Im Herbst seiner Karriere schaut man zwangsläufig zurück. Auf das, was war. Und auf das, was vielleicht hätte sein können.
Ich vermute allerdings, dass Dege nicht hadert. Dafür kennt er den Sport, das Leben und auch das Glück zu gut. Der Unfall hätte ungleich schlimmer enden können. Dieser Gedanke hilft auch mir, mit meinen eigenen Unfallfolgen besser zu leben. Rollstuhl, bleibende schwere Hirnverletzungen oder der Tod – nichts davon wäre eine bessere Alternative gewesen.
Man kann nichts zurückdrehen. Man kann nur dankbar sein für das, was geblieben ist.
Happy Birthday, Dege. Ich bin froh, dass du noch da bist.
Schließen möchte ich mit einem Zitat des Champ, das zeigt, was wirklich wichtig ist. „Die Tagesmutter hat neulich gesagt: ‚Sie können sich gar nicht vorstellen, Herr Degenkolb, wie gut das für die Vater-Sohn-Beziehung war, dass Sie so viel zu Hause waren.‘ Der Unfall hat, was das angeht, wirklich auch was Gutes gebracht“, sagte Dege 2016 im RoadBIKE-Interview.
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