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11.11.2025
Zurück von meinem Halli-Galli-Kurztrip nach Mallorca bin ich im Alltag gelandet. Zunächst möchte ich mich gerne mit der Kritik befassen, die sich von der letzten Woche nach hier übertragen hat.
I don’t give a shit, könnte ich sagen. Aber das ist nur bedingt so.
Zur CO₂-Bilanz und den Flügen
Alexander, du schreibst: „War das jetzt wirklich nötig?“ und unterstellst mir „schnell halligalli und Montag zurück“. Woher nimmst du diese Information? Wer sagt, dass es nur Halligalli war? Nur weil ein Trip drei Tage dauert, heißt das nicht, dass er unüberlegt oder oberflächlich war. Aber ich muss hier nicht alles breittreten. Aber eine Portion Spaß gehört einfach zum Leben. Und wenn man dann abends mal in den Bierkönig geht, wo ist das Problem. Dem Klima hat der Abend sicher nicht geschadet.
Der generelle Vorwurf, ich hätte „bewussten Konsum mit Füßen getreten“, ist genau die moralische Überhöhung, die ich gestern kritisierte. Du setzt Klimaschutz mit Verzicht gleich und misst Menschen an einem Reinheitsgebot, das niemand erfüllen kann.
Zur Vorbildfunktion
Ja, ich habe einen Blog. Ja, ich stehe in der Öffentlichkeit. Und ja, ich muss mir Kritik gefallen lassen. Das tue ich auch – siehe diese Antwort.
Aber nein, ich muss nicht in jedem Lebensbereich perfekt sein. Ich muss mich nicht für jede Entscheidung rechtfertigen. Und ich muss nicht zum Asketen werden, nur weil ich über Fahrräder schreibe.
Zum Wahoo Elmnt Bolt V1: Ich habe ihn jahrelang genutzt, bis er für meine Zwecke nicht mehr funktional war. Dann habe ich ihn ersetzt. Das ist weder verschwenderisch noch verwerflich. Langlebigkeit bedeutet nicht, Produkte bis zur Selbstaufgabe zu nutzen, wenn sie den Zweck nicht mehr erfüllen. Und wenn ich ein Gerät in gute Hände weiter gebe, wo ist das Problem?
Das Muster der Empörung
Uwe, du schreibst, ich hätte mir den Mallorca-Trip „schön gerechnet und geredet“. Nein, habe ich nicht. Ich habe eine Perspektive auf Klimaschutz vertreten, die Pragmatismus über Perfektionismus stellt. Ist der Sitzladefaktor unter 100%, ist die volle Auslastung des Fluges nahezu klimaneutral.
Was mich in den letzten Jahren immer ärgerte, ist das Muster dahinter. Es ist nicht das erste Mal, dass mir vorgehalten wird, ich müsse mich „richtig“ verhalten.
- Zu Corona: Ich hatte damals nicht vor dem Draußen-Radfahren gewarnt. Dafür wurde ich angefeindet. Ein damaliger Podcast-Partner brach jeden Kontakt ab. Manche sprechen bis heute nicht mit mir.
- Zum Gendern: Ich habe den Gender-Doppelpunkt statt des Gender-Sterns verwendet und wurde von Extremist*innen angegangen, gefälligst richtig zu Gendern. Das Ergebnis: Ich gendere heute gar nicht mehr.
- Zum Klimaschutz: Ich fliege nach Mallorca und werde dafür kritisiert, nicht mit gutem Beispiel voranzugehen.
Jedes Mal wird von mir erwartet, dass ich mich einer bestimmten Linie unterwerfe. Jedes Mal wird meine angebliche Vorbildfunktion und die Moral als Waffe benutzt, um Konformität zu erzwingen.
Nein, da mache ich nicht mit.
Mein Fazit
Klimaschutz ist wichtig. Aber diese permanente Empörungskultur, bei der jeder jeden beobachtet und bewertet, ist kontraproduktiv. Sie spaltet, sie ermüdet, sie führt zu Trotz.
Ich werde weiterhin im Alltag die für mich richtigen Entscheidungen treffen: Rad statt Auto, bewusster Konsum, langlebige Produkte. Und ich werde mir Flugreisen gönnen, ohne dass mir jemand ein schlechtes Gewissen machen muss.
Wer das als „nicht konsequent“ kritisieren will, darf das gerne tun, sollte mir aber nicht absprechen, dass ich mich nicht dennoch öffentlichkeitswirksam für Klimaschutz einsetzen darf.
An euch und alle: Ich schätze eure Lesertreue und eure Kommentare. Auch kritische. Aber ich werde mich nicht für mein Leben rechtfertigen – nicht für Corona, nicht fürs Nicht-Gendern, nicht fürs Fliegen.
Und jetzt zu anderen Themen:
Neben der Feierlichkeiten zum Ruhestand von Carmen und Frank habe ich mit meinem Bruder am Ernähungskonzept für die Bauchfettschallenge 2026 gearbeitet. Rezepte, v.a. für den Gewürzquark, wurden nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen überarbeitet. Prima.
Und Tattoos gab es auch wieder. Zwei für Olli, drei für mich.
Neben einem neuen Fahhrad-Tattoo auf dem rechten Unterarm, habe ich meine Vätternrundan-Teilnahmen verewigt. 13 Striche sieht man jetzt unter dem Logo. 20 passen insgesamt in eine Reihe. Die restlichen sieben schaffe ich.




Am längsten dauerte mein asiatischer Tiger. Der ist nur für mich und hat eine Bedeutung. Drei Stunden Schmerzen war er mir Wert.
Olli hat auch lange gelitten, aber es hat sich gelohnt. Sein Wadentattoo ist krass.



10.11.2025
Klimaschutz: Warum ich nicht immer Vorbild sein muss
Als Blogger mit einer gewissen Reichweite bekomme ich regelmäßig zu hören, ich müsse “mit gutem Beispiel vorangehen”. Besonders wenn es um Klimaschutz geht. Ein Flug nach Mallorca für drei Nächte? Geht gar nicht, wenn man sich für nachhaltige Mobilität einsetzt. Wirklich nicht?
Die Sache mit der Vorbildfunktion
Ich betreibe seit 2011 diesen Fahrradblog. Ich schreibe über Rennrad, Gravel, Indoor-Training. Ich inspiriere Menschen, aufs Rad zu steigen statt ins Auto. Das ist ein Beitrag zum Klimaschutz
Aber das bedeutet nicht, dass ich in jedem Lebensbereich zum Asketen werden muss.
Es ist ein unfairer Doppelstandard: Menschen mit Öffentlichkeit sollen perfekt sein, während andere einfach leben dürfen. Warum eigentlich? Nur weil ich einen Blog schreibe, bin ich nicht verpflichtet, auf alles zu verzichten.
Wo Klimaschutz wirklich wirkt
Klimaschutz funktioniert dort am besten, wo Entscheidungen unmittelbare und wiederholte Auswirkungen haben:
• Das Auto stehen lassen und mit dem Rad zur Arbeit fahren – 200+ Tage im Jahr
• Zug statt Flug, wo es möglich und sinnvoll ist
• Bewusster Fleischkonsum – nicht jeden Tag, nicht jede Mahlzeit
• Langlebige Produkte kaufen statt Wegwerfware
Diese alltäglichen Entscheidungen summieren sich. Sie machen den Unterschied.
Eine Flugreise? In der Gesamtbilanz vernachlässigbar, wenn die Grundausrichtung stimmt.
Das Problem mit der Reinheitslehre
Wenn wir Menschen ständig vorhalten, was sie alles falsch machen, erreichen wir das Gegenteil: Müdigkeit. Abwehr. Verdruss.
Ich sehe das besonders bei jüngeren Menschen. Sie bekommen zu spüren, dass die Politik seit Jahrzehnten beim Klimaschutz versagt. Dass Konzerne weitermachen wie bisher. Dass Deutschland im Klimaschutz rückwärts läuft, statt vorwärts. Und dann wird ihnen vorgehalten, wenn sie nicht perfekt klimaneutral leben?
Diese moralische Überhöhung spaltet. Sie erzeugt Trotz statt Einsicht. Und sie lenkt von der eigentlichen Verantwortung ab: der Politik, die systemische Lösungen schaffen muss.
Niemand muss ganz verzichten
Klimaschutz braucht vor allem strukturelle Veränderungen: bessere Infrastruktur für Radverkehr, attraktivere Bahnangebote, strengere CO2-Vorgaben für Industrie und Verkehr, echte Energiewende.
Ja, individuelles Handeln ist wichtig. Aber es als moralischen Lackmustest zu nutzen – wer darf was, wer ist gut genug – bringt uns nicht weiter.
Wenn ich für drei Nächte nach Mallorca fliege, ist das meine Sache.
Es gibt noch einen anderen Aspekt: Wenn das Flugzeug sowieso fliegt, ist mein individueller Beitrag zum CO₂-Ausstoß faktisch minimal. Mein Körpergewicht plus Gepäck macht 0,1-0,2% des Gesamtgewichts eines Verkehrsflugzeugs aus.
Natürlich funktioniert diese Logik nur im Einzelfall. Wenn alle so denken, ändert sich nichts. Airlines passen ihre Flugpläne der Nachfrage an – aber eben mittelfristig und in der Masse.
Trotzdem zeigt es: Die moralische Empörung über einen einzelnen Flug ist völlig überzogen, wenn die Grundausrichtung stimmt.
Mein Fazit
Klimaschutz ist wichtig. Aber er braucht Pragmatismus statt Perfektionismus. Er braucht systemische Lösungen statt individueller Schuldzuweisungen. Und er braucht Menschen, die im Alltag die richtigen Entscheidungen treffen – ohne sich für gelegentliche Ausnahmen rechtfertigen zu müssen.
Ich werde weiterhin mit dem Rad fahren. Ich werde weiterhin Menschen dazu inspirieren. Und ich werde mir gelegentlich Flugreisen gönnen, ohne dass mir jemand ein schlechtes Gewissen machen muss. Denn Klimaschutz ist kein Heiligenschein, den man sich verdienen muss. Es ist eine vernünftige Grundhaltung – mit Luft zum Atmen.
Was denkst du? Schreib mir gerne deine Meinung – auch wenn du anderer Ansicht bist. Aber bitte ohne moralische Überhöhung. Davon haben wir alle genug.
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Naja, also wenn man oben Ansetzt mit einen CO2 Budget von 11 Tonnen pro Kopf (um unsere Klimaziele zu erreichen), haut ein Hin- und Rückflug nach Mallorca mit 2x600kg (FRA-PMI-FRA) mit 10,9% schon ganz schön rein und ist in der Gesamtbilanz halt nicht vernachlässigbar. Es ist ja nicht der Flug was das Kraut Fett macht, ein Flugzeug ist für sich ein unglaublich effizientes System, es ist die Distanz die problematisch ist. Du warst auch nicht das erste mal im Flieger dieses Jahr sondern das dritte, war das jetzt wirklich nötig? Ich (zumindest) würde Dir niemals eine Flugreise zum Erholungsurlaub verbieten, aber doch bitte nicht für 3 Tage schnell halligalli und Montag zurück. Wenn Du fliegst, bleibe doch länger und erhole Dich richtig.
Wenn Du denkst hier geht es um Verbote oder moralische Erhöhung bist Du genauso auf dem Holzweg wie alle anderen. Es geht nämlich, wie Du sagst, um bewussten Konsum und den hast Du damit mit Füßen getreten, mach das, aber dann streiche gedanklich den Gedanken aus dem Kopf, dass Dir die Umwelt und eine lebenswerte Welt für die Nachwelt Dir am Herzen liegt. Was Du machst ist lediglich „Die anderen sind ja noch so viel schlimmer“. Sorry dafür, trotzdem lese ich deinen Blog unglaublich gern 🙂
Lieber Claude, ich bin eigentlich vielmals d’accord mit deinen Meinungen und Ansichten in Deinem Blog, lese diesen wirklich gerne, auf mal kritisch.
Klar, wenn man Klimaschutz aktiv und wachen Auges betreibt gibt es viele Ansätze. Auch ein Flug sollte da mal drin sein. (ich fliege nicht). Aber diesen 3 Tagetrip nach Mallorca hast Du dir echt schön gerechnet und geredet. Ich gönn dir das, aber so richtig konsequent ist das allerdings nicht.
… und um nochmal den Finger in die Wunde zu legen, ich kann mich an Dein Wortlaut zum Wahoo Elmnt Bolt V1 erinnern wo Du froh bist so ein altes Ding „nicht mehr benutzen zu müssen“. Naja, ich habe meinen seit 2017 und versuche ihn solange wie möglich am leben zu lassen, dass ist schon ein nachhaltiges Produkt… Du hast ein Blog und damit stehst Du in der Öffentlichkeit, an der Stelle möchte ich Dir auch nochmals dafür danken, aber da musst Du Dir Kritik eben auch gefallen lassen.