Ein Ecuadorianer als Gravelanfänger in Deutschland
Seit Juli haben wir Familienzuwachs auf zwei Rädern. Oscar, mein Schwager aus Ecuador, wohnt bei uns und erlebt gerade seinen ganz persönlichen Kulturschock – nicht nur sprachlich, sondern auch fahrtechnisch.
Nach zwölf Jahren als Supermarktleiter in Ecuador hat Oscar mit fast 42 Jahren die Regale gegen Radwege getauscht. Mit seinem in Deutschland frisch bewerteten bzw. anerkannten Uniabschluss und einem Chancenkartenvisum in der Tasche ist er nach Deutschland gekommen, zunächst alleine. Ein Jahr hat er Zeit, Deutsch zu lernen und eine Stelle als Fachkraft zu finden, idealerweise im Einzelhandel. Aber Oscar lernt nicht nur deutsche Vokabeln und Grammatik – er lernt auch, was es heißt, auf deutschen Schotterwegen zu überleben.
Das Vintage-Marin und der Mut des Anfängers
Mein altes Marin MTB hat einen neuen Freund gefunden. Oscar donnert damit durch Dietzenbach und Ungebung, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Naja, fast.
Gestern war es soweit: Die erste richtige Tour. 22 Kilometer, hauptsächlich Gravel. Ich muss gestehen, manche Schotterabschnitte waren selbst für mich grenzwertig grob. Aber wie heißt es so schön: Mit ausreichend Tempo schwimmt man über den Schotter wie ein Wasserskifahrer über die Wellen.
Oscar, der Gravelanfänger, hat das Tempo-Prinzip verstanden – theoretisch. Praktisch konnte ich förmlich sehen, wie ihm bei jedem groben Schotterstück das Herz in die Hose rutschte. Trotzdem: Er hat durchgezogen wie ein Champion. Kein Jammern, kein Aufgeben. Respekt!
Die Schotter-Philosophie
Beim Radfahren ist es wie im Leben: Manchmal muss man einfach Gas geben, um über die groben Stellen zu kommen. Oscar hat das als verstanden – nicht nur auf dem Rad. Er gibt auch beim Deutschlernen Vollgas, nimmt jeden Sprachkurs mit, den er kriegen kann. Der Grund? Seine Frau und drei kleine Söhne warten in Ecuador. Je schneller er durch den „Schotter“ der deutschen Bürokratie und Sprachanforderungen kommt, desto früher kann er sie nachholen. Ein Jahr hat er Zeit mit dem Chancenkartenvisum. Ein Jahr, um aus groben Schotterwegen eine glatte Straße für seine Familie zu machen.
Forrest Gump sagte mal: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man kriegt.“ Oscar hat definitiv nicht die Praline Einwanderung nach Deutschland erwartet, als Ecuador noch als eines der sichersten Länder in Lateinamerika galt. Jetzt ist das anders. Er beißt rein und gibt alles … auch als Gravelanfänger.
Apfelwein statt zweite Runde
Nach der ersten Runde um Dietzenbach war dann allerdings Schluss. War es die Kondition? War es die fortgeschrittene Uhrzeit um 19:30? Oder war es die Aussicht auf den Biergarten? Wir werden es nie erfahren.


Im Biergarten dann die nächste kulturelle Entdeckung: Süßgespritzter Apfelwein schmeckt besser als Sauergespritzter. Oscars Gesichtsausdruck beim ersten Schluck war unbezahlbar. „Schmeckt… interessant“, meinte er diplomatisch. Ob aus Höflichkeit oder echter Überzeugung? Die Zukunft wird es zeigen.
Vom Fahrrad zum Renault 4
Übrigens: Oscar ist nicht nur beim Radfahren dabei. Auch mein zweites Hobby, das Renault-4-Fahren, hat er adoptiert. Da ist dann auch seine Schwester Luisa – meine allerliebste Frau – mit von der Partie. Beim Radfahren hält sie sich vornehm zurück. Kann ich verstehen.



Ein Aufruf an die Community
Jetzt mal Butter bei die Fische: Oscar braucht ein besseres Rad für’s Graveln. Ein Hardtail MTB oder Gravelbike mit Scheibenbremsen wäre auf unseren Schotterpisten Gold wert. Aber Oscars Budget – nun ja, das geht gegen null.
Falls jemand da draußen im Großraum Rhein-Main noch ein altes MTB-Hardtail wie ein Bulls Copperhead 3 oder vielleicht ein günstiges Triban bzw. Decathlon Gravel-Bike im Keller stehen hat – gerne auch reparaturbedürftig – würden wir uns riesig freuen! Oscar bräuchte etwa eine Rahmengröße 55 (beim Rennrad). Bei seinem Budget geht es wirklich nur um symbolische Beträge oder vielleicht sogar eine Spende an jemanden, der gerade alles gibt, um seinen Neustart in Deutschland zu schaffen und seine Familie nachzuholen.
Fazit
Oscar ist der lebende Beweis: Man ist nie zu alt für neue Abenteuer. Vom ecuadorianischen Supermarkt auf deutsche Schotterwege – das nenne ich mal einen Karrierewechsel. Und wer weiß, vielleicht sehen wir ihn bald in seiner Freizeit auf einem richtigen Gravelbike die Trails unsicher machen, nachdem er tagsüber die Trails im Supermarkt gemeistert hat. Aber noch wichtiger: Hoffentlich sehen wir bald seine Familie hier bei uns.
Bis dahin: Oscar, weiter so! Mit genug Tempo kommt man durch jeden Schotter – auf dem Rad und im Leben.
Oder um es mit Forrest Gump zu sagen:
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